Über Macht und das Wissen der anderen – ein Lateinschwank aus meiner Schulzeit

An meinem Gymnasium gab es auch einen naturwissenschaftlichen Zweig. Nur wenige Mädchen entschieden sich, diesen einzuschlagen. Die meisten Jungs machten das, um Französisch als dritte Fremdsprache zu vermeiden.  Ich machte das als eine von zwei Mädchen aus meiner Klasse, weil ich einfach Spaß an den Naturwissenschaften  hatte. Das war in unserer Parallelklasse ähnlich. Da waren es auch zwei. (Interessanterweise haben dann drei der vier in naturwissenschaftlichen Fächern promoviert – ich unvollendet). In den Sprachen (Latein und Englisch) wurden wir also unterrichtet zusammen mit der Parallelklasse mit vier Mädchen.

Lateinschulaufgabe stand an und unserer Lehrer verteilte ein paar Tage vor der Prüfung eine Liste mit Vokabeln, die für die Schulaufgabe wichtig wären. Auch das Buch, aus dem die Übersetzung erfolgen würde, war bekannt. 

Ding, ding, ding. (Man musste die Stelle also nur finden)

Damals gab es das Internet noch nicht in der heutigen Form. Insofern verbrachte ich einen ganzen Nachmittag damit, die 10 Wörter aus der Vokabelliste in einem kleinen gelben Reclam-Heftchen zu suchen. Und dann:

Ding, ding, ding,

Ich griff zum Festnetztelefon und rief meine einzige Klassenkameradin an: „Ich habe es gefunden. Es passt genau. Die Textstelle mit den 10 Vokabeln unter 100 Wörtern“. Wir tauschten uns aus. Es wurde die Übersetzung besorgt und unter den Jungs der Klasse bekannt gemacht. Mit unserer Parallelklasse hatte keiner Kontakt. Man kannte sich nicht wirklich, da wir nur in Latein und Englisch zusammen waren und wir waren im Klassenraum auch strikt getrennt (freiwillig). Da entschloss ich mich, vorsichtig zu erfragen, ob die anderen es denn auch schon herausgefunden hätten. Ich wandte mich also an eine der beiden Mädchen der anderen Klasse: „Habt ihr es auch herausgefunden?“ (Also ich sprach nicht das Thema an). „Ja“. Mehr kam nicht. Ich wurde gefühlt schroff abgelehnt und hatte das Gefühl, man wäre nicht bereit, die Erkenntnisse mit mir zu teilen. Gut, dachte ich, dann reden wir halt nicht darüber.

Als die Prüfung kam,  waren also meiner Meinung nach alle zumindest auf den – bekannten – Textteil vorbereitet. Viele unserer Jungs hatten ihn auswendig gelernt.

Aber:  Ich hatte mich geirrt. Die anderen, die teilweise sehr viel besser in Latein waren, hatten den Text gar nicht herausgefunden – geschweige denn in ihrer Klasse verteilt. Man hatte sich beschränkt auf Vokabel lernen und meine zarten Nachfragen hatte man auch nicht verstanden.

Als die Klassenarbeit herausgegeben wurde, wir wurden zusammengestaucht, wie unsoldarisch wir doch gewesen wären, die Lösung nicht zu teilen. Es war meine Schuld.

Meine Klasse hatte den Textteil nahezu perfekt übersetzt, die Parallelklasse nur mittelmäßig (eben ohne vorbereitende Hilfe).

Ich fragte mich, wie man so doof sein konnte, nicht alle Mühe als Klasse darin zu stecken, die Textstelle anhand von 10 vorgegebenen Vokabeln herauszufinden. Noch mehr aber fühlte ich mich schuldig, weil ich versucht hatte, mit den anderen zu kommunizieren, aber mich zurückgesetzt gefühlt hatte.  Wir hatten kaum Kontakt mit den anderen – außer in ca. 4 Schulstunden in der Woche  – und ich nahm an, dass die anderen nicht mit uns teilen wollten, weil sie normal sehr viel besser in Latein waren.

Ich hatte mich geirrt. Keiner sonst. Zugegeben, es hat auch sonst keiner versucht, aber die Jungs haben sich sowieso nicht um  die anderen gekümmert.

Aber ich – ich  hatte das Wissen und die Macht, dieses Wissen an alle zu verbreiten. Stattdessen habe ich mich zurückgezogen auf meine Rolle als uncoole Schülerin, der die Parallelklasse sowieso nichts gönnt.

Es war aber falsch. Es gab keine Abmachungen der anderen Klasse in Hinterzimmern. Es gab keine „bessere Übersetzung“ oder kein „Nicht-Gönnen“ der anderen. Das waren alles meine Unterstellungen.  „Meine Jungs“ haben mehr oder weniger gut abschnitten – manchem mag das sogar die Latein-Note gerettet haben.

Was habe ich daraus gelernt?

Manchmal fühlt man sich ausgeschlossen und denkt die anderen wäre besser vernetzt und interpretiert ungeheuer viel in Dinge, die gar nicht da sind. Die Wahrheit ist aber wohl, dass man oft einfach auch mal mit Leuten sprechen sollte, die einen ggf. verunsichern, und die Leute lieber ins eigene Boot holt, als Mutmaßungen anzustellen über, was so hinter seinem Rücken läuft. Oft sind die Leute einfach mit anderen Themen beschäftigt, ggf. überlastet mit den Dingen in ihrem Leben  oder eigenen Problemen.

Wenn man Macht hat, dann sollte man sie zum Guten nutzen. Oft ist es schwer, einzuschätzen, was denn gut ist. Aber Menschen aus der eigenen Gruppe zu bevorzugen, nur weil sie zufällig zur eigenen Gruppe gehören, obwohl man mit wenig Aufwand ein Gemeinschaftsgefühl und einen besseren Zusammenhalt unter allen erreichen könnte , ist nicht zielführend und verstärkt nur die negativen Emotionen – letztendlich kommt alles auf einen selbst zurück.

Eine Kultur der offenen Kommunikation und Transparenz kann hier sehr hilfreich sein.

Oft haben andere Menschen ganz andere Lebensrealitäten, die man sich aus der eigenen Position kaum vorstellen kann. Dann hilft es nur, zu versuchen, sich auch mal in die anderen hineinzuversetzen und ein bisschen mehr Toleranz/Empathie zu zeigen. In den wenigsten Fällen sind die Dinge persönliche Angriffe oder Verschwörungen.

Eure Alex

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert