Über Macht und das Wissen der anderen – ein Lateinschwank aus meiner Schulzeit

An meinem Gymnasium gab es auch einen naturwissenschaftlichen Zweig. Nur wenige Mädchen entschieden sich, diesen einzuschlagen. Die meisten Jungs machten das, um Französisch als dritte Fremdsprache zu vermeiden.  Ich machte das als eine von zwei Mädchen aus meiner Klasse, weil ich einfach Spaß an den Naturwissenschaften  hatte. Das war in unserer Parallelklasse ähnlich. Da waren es auch zwei. (Interessanterweise haben dann drei der vier in naturwissenschaftlichen Fächern promoviert – ich unvollendet). In den Sprachen (Latein und Englisch) wurden wir also unterrichtet zusammen mit der Parallelklasse mit vier Mädchen.

Lateinschulaufgabe stand an und unserer Lehrer verteilte ein paar Tage vor der Prüfung eine Liste mit Vokabeln, die für die Schulaufgabe wichtig wären. Auch das Buch, aus dem die Übersetzung erfolgen würde, war bekannt. 

Ding, ding, ding. (Man musste die Stelle also nur finden)

Damals gab es das Internet noch nicht in der heutigen Form. Insofern verbrachte ich einen ganzen Nachmittag damit, die 10 Wörter aus der Vokabelliste in einem kleinen gelben Reclam-Heftchen zu suchen. Und dann:

Ding, ding, ding,

Ich griff zum Festnetztelefon und rief meine einzige Klassenkameradin an: „Ich habe es gefunden. Es passt genau. Die Textstelle mit den 10 Vokabeln unter 100 Wörtern“. Wir tauschten uns aus. Es wurde die Übersetzung besorgt und unter den Jungs der Klasse bekannt gemacht. Mit unserer Parallelklasse hatte keiner Kontakt. Man kannte sich nicht wirklich, da wir nur in Latein und Englisch zusammen waren und wir waren im Klassenraum auch strikt getrennt (freiwillig). Da entschloss ich mich, vorsichtig zu erfragen, ob die anderen es denn auch schon herausgefunden hätten. Ich wandte mich also an eine der beiden Mädchen der anderen Klasse: „Habt ihr es auch herausgefunden?“ (Also ich sprach nicht das Thema an). „Ja“. Mehr kam nicht. Ich wurde gefühlt schroff abgelehnt und hatte das Gefühl, man wäre nicht bereit, die Erkenntnisse mit mir zu teilen. Gut, dachte ich, dann reden wir halt nicht darüber.

Als die Prüfung kam,  waren also meiner Meinung nach alle zumindest auf den – bekannten – Textteil vorbereitet. Viele unserer Jungs hatten ihn auswendig gelernt.

Aber:  Ich hatte mich geirrt. Die anderen, die teilweise sehr viel besser in Latein waren, hatten den Text gar nicht herausgefunden – geschweige denn in ihrer Klasse verteilt. Man hatte sich beschränkt auf Vokabel lernen und meine zarten Nachfragen hatte man auch nicht verstanden.

Als die Klassenarbeit herausgegeben wurde, wir wurden zusammengestaucht, wie unsoldarisch wir doch gewesen wären, die Lösung nicht zu teilen. Es war meine Schuld.

Meine Klasse hatte den Textteil nahezu perfekt übersetzt, die Parallelklasse nur mittelmäßig (eben ohne vorbereitende Hilfe).

Ich fragte mich, wie man so doof sein konnte, nicht alle Mühe als Klasse darin zu stecken, die Textstelle anhand von 10 vorgegebenen Vokabeln herauszufinden. Noch mehr aber fühlte ich mich schuldig, weil ich versucht hatte, mit den anderen zu kommunizieren, aber mich zurückgesetzt gefühlt hatte.  Wir hatten kaum Kontakt mit den anderen – außer in ca. 4 Schulstunden in der Woche  – und ich nahm an, dass die anderen nicht mit uns teilen wollten, weil sie normal sehr viel besser in Latein waren.

Ich hatte mich geirrt. Keiner sonst. Zugegeben, es hat auch sonst keiner versucht, aber die Jungs haben sich sowieso nicht um  die anderen gekümmert.

Aber ich – ich  hatte das Wissen und die Macht, dieses Wissen an alle zu verbreiten. Stattdessen habe ich mich zurückgezogen auf meine Rolle als uncoole Schülerin, der die Parallelklasse sowieso nichts gönnt.

Es war aber falsch. Es gab keine Abmachungen der anderen Klasse in Hinterzimmern. Es gab keine „bessere Übersetzung“ oder kein „Nicht-Gönnen“ der anderen. Das waren alles meine Unterstellungen.  „Meine Jungs“ haben mehr oder weniger gut abschnitten – manchem mag das sogar die Latein-Note gerettet haben.

Was habe ich daraus gelernt?

Manchmal fühlt man sich ausgeschlossen und denkt die anderen wäre besser vernetzt und interpretiert ungeheuer viel in Dinge, die gar nicht da sind. Die Wahrheit ist aber wohl, dass man oft einfach auch mal mit Leuten sprechen sollte, die einen ggf. verunsichern, und die Leute lieber ins eigene Boot holt, als Mutmaßungen anzustellen über, was so hinter seinem Rücken läuft. Oft sind die Leute einfach mit anderen Themen beschäftigt, ggf. überlastet mit den Dingen in ihrem Leben  oder eigenen Problemen.

Wenn man Macht hat, dann sollte man sie zum Guten nutzen. Oft ist es schwer, einzuschätzen, was denn gut ist. Aber Menschen aus der eigenen Gruppe zu bevorzugen, nur weil sie zufällig zur eigenen Gruppe gehören, obwohl man mit wenig Aufwand ein Gemeinschaftsgefühl und einen besseren Zusammenhalt unter allen erreichen könnte , ist nicht zielführend und verstärkt nur die negativen Emotionen – letztendlich kommt alles auf einen selbst zurück.

Eine Kultur der offenen Kommunikation und Transparenz kann hier sehr hilfreich sein.

Oft haben andere Menschen ganz andere Lebensrealitäten, die man sich aus der eigenen Position kaum vorstellen kann. Dann hilft es nur, zu versuchen, sich auch mal in die anderen hineinzuversetzen und ein bisschen mehr Toleranz/Empathie zu zeigen. In den wenigsten Fällen sind die Dinge persönliche Angriffe oder Verschwörungen.

Eure Alex

Chancen für Künstliche Intelligenz in der Spracherkennung

KI – Künstliche Intelligenz bzw. maschinelles oder tiefes Lernen hat mit unserer Definition von „Intelligenz“ erst mal nicht soooooo viel zu tun. Derzeit sind die #KI-Unternehmen damit beschäftigt, alle vorhandenen Daten zu sammeln und auszuwerten, und ggf. neue Daten zu generieren. Um einem Algorithmus etwas neues beizubringen, braucht man Daten im 6-stelligen Bereich.

Jetzt kann man mal überlegen, in welchem Bereich derlei Daten vorhanden sind und was das über die neuen Technologien aussagen wird, die unser Leben beeinflussen werden.

Beispiel: Spracherkennung.

Vor noch 15 Jahren war es kaum möglich, einem Computer einen Text zu diktieren ohne tausend Fehler im resultierenden Text zu haben. Das hat sich aber rasant geändert. Schon seit 10 Jahren sind Programme auf dem Markt, die extrem schnell lernen und binnen kürzester Zeit – anhand etwas Training – insbesondere um den persönlichen Akzent des Sprechers zu identifizieren, einen vorgegebenen Text fehlerfrei übernehmen.

Wenn man dem Programm dann noch erlaubt, die gelernten Erkenntnisse an die Zentrale zurückzuschicken, wird die Software immer „intelligenter“. Und so ist es heute schon so, dass Alexa und Co. den Großteil der Befehle erkennen, aber gleichzeitig – mit jedem Befehl – noch mehr lernen. Jeder nicht verstandene Befehl kann nämlich mittlerweile dann auch noch manuell ausgewertet werden, um die Erkennung weiter zu verbessern.

Und die Trainingssets und die Anwendungen werden immer mehr. Beispiel: Universalübersetzung. Seit ein paar Monaten sind auch schon Tools auf dem Markt, die Sprach-Universaltexterkennung und -übersetzung anbieten. Bisher beschränken sich die Antworten oft aufs Schriftliche. Allerdings handelt es sich hierbei nur noch eine Frage der Zeit, bis ein Programm in einem akzeptierten Empfänger-angepassten Dialekt antworten können wird. So ein Universalübersetzer war schon vor mehreren Jahrzehnten in der Fernsehserie Star Trek angedacht, seine Umsetzung wird aber nur noch eine Frage von wenigen Jahren sein.

Die spannende Frage ist dann natürlich, was macht das mit unserer Sprache und Kultur, wenn wir auf einmal alle anderen verstehen. Bisher liegt ein Teil der Missverständnisse zwischen verschiedenen Kulturen an der Sprache. Im vergangenen Jahrtausend hat z.B. das Englische, das diesselbe Basis hat wie das Deutsche, eine starke Vereinfachung seiner Grammatik hinnehmen müssen – aufgrund der vielen anders sprechenden Einwanderer. Die Formen wurden abgehakt und stark vereinfacht, um das Zusammenleben zu vereinfachen. Das passiert im Deutschen gerade auch. Man sieht das an der Verwendung von „Du“ und „Sie“. Während es vor 20 Jahren quasi unmöglich war, einen unbekannten Menschen zu duzen, hat hier ein Kulturwandel stattgefunden bzw. findet statt. In vielen Bereichen duzt man sich quasi ausschließlich und gerade für nicht-Deutsch-Muttersprachler ist das eine Erleichterung. Man sieht dies an den unterschiedlichen „Duz-Regeln“ in Berlin bzw. auf dem Land.  Auch in internationalen Organisationen wird man oft prinzipiell von allen geduzt. In den nationalen gibt es zumindest für die Deutschen oft noch eine vorgesetzte Siez-Hürde. Es hängt ganz davon ab, wie international das Unternehmen ist. In der Forschung ist es normal, Kollegen auf English zu duzen – alles andere wird alle komisch empfunden. Die Übertragung ins Deutsche hat hier zum Teil auch schon stattgefunden. Es gibt aber eine deutliche Grauzone.

Was wird also ein funktionierender Universalübersetzer mit uns machen? Nun, auf dem Land wird sich wahrscheinlich nicht so viel ändern, da man in seiner Gemeinde sowieso immer mit denselben Menschen spricht. Multi-Kulti-Städte wie Berlin oder München werden aber einen Wandel durchleben… und zwar auf den verschiedensten Ebenen.

„Muss ich dann Klingonisch lernen, um von anderen nicht verstanden zu werden“, fragte mich einer auf Twitter. Und die Frage ist berechtigt. Denn gerade in Berlin hat die unterschiedliche Sprache auch eine trennende Funktion. Jeder nicht-Deutsch-Muttersprachler hat eine zweite Sprache, die er auf unterschiedlichem Niveau beherrscht und für die unterschiedlichsten Bereiche verwendet. Man mag vielleicht primär an die Clan-Kriminalität in der Stadt denken, die auf einmal offensichtlicher wird, weil alle alle anderen verstehen. Die Ausmaße gehen aber deutlich darüber.

Und auch Klingonisch – eine künstliche Sprache mit echter Grammatik aus einer Fernsehserie – wird nicht reichen, um geheim zu kommunizieren, denn jede Sprache, von der Bruchteile bekannt sind, wird binnen kürzester Zeit erkannt werden.

Geheimen Austausch in der „eigenen“ Sprache wird es nicht mehr geben. Die kleinen Lästereien, wenn man denkt, die anderen verstünden einen nicht, wird man unterlassen oder mit den Konsequenzen leben müssen. Die Misch-Masch-Sprache vieler Berliner, die Migranten der 2. und 3. Generation sind, und in nichtdeutschen Gesprächen gerne perfekt ausgesprochenen deutsche Fachbegriff einbauen wird sich auch verändern.

Die Interaktion mit völlig Unbekannten wird erleichtert werden, weil man einfach drauflosreden kann und die anderen sich nicht mehr hinter Sprachhürden verstecken können.

Ja, das tun einige – das habe ich selbst auch schon getan.

Es werden also Barrieren wegfallen und sich unsere Gesellschaft weiterentwickeln. Aufgrund des Universalübersetzers – aufgrund von KI.

Und das war nun nur ein Mini-Bereich der Möglichkeiten der „künstlichen Intelligenz“. Es gibt viele weitere, wo man sich bisher nicht vorstellen kann, wie das Zusammenleben beeinflusst werden könnte.

Auf jeden Fall kaufe ich mir auch so einen Ohrstöpsel und die entsprechende App, um einen Universalübersetzer zu haben und alle anderen zeitnah zu verstehen. Wahrscheinlich wird dann zunächst auf einem Smartphone auf Wunsch ein Antworttext in Lautsprache bereitgestellt für Leute, die noch keine App mit Ohrstöpsel haben, während die mit Ohrstöpsel die Antwort in Ihrer Wunschsprache bekommen.

Welche Wunschsprache wählt man?  Wie entwickelt sich dann die Sprache? Da sind keine Antworten, die man schon in 15 Jahren geben kann, aber vielleicht in 200 – sofern wir unseren Planeten nicht bis dahin unbelebbar gemacht haben. Aber das ist ein anderes Thema.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Staatliche Familienleistungen – Rechercheergebnisse aus der AG Kinderarmut

Wenn man ein Normalverdiener in einem normalen Leben ist, macht man sich über die angebotenen Leistungen für Familien, denen es nicht so geht, kaum Gedanken – also zumindest geht es mir so.

Wenn man dann nach einer Trennung da steht und auf einmal die gesamte Wohnung und das Leben der Kinder selbst finanzieren muss, sieht die Sache anders aus.

Es gibt angeblich ca. 140 verschiedene Leistungen für Familien mit Kindern. Bis zu 40% der Alleinerziehenden bekommen ALG II. Ich habe mich immer gefragt, wie das sein kann, bis ich mich in die Zahlen vertieft habe.

So hat ein allein-wohnender Elternteil mit 1 Kind in Berlin bei einer maximal angemessenen Miete Anspruch auf ca. insgesamt 1450 EUR. Hinzu kommt eine Leistungspaket (nach BuT-Gesetz und sonstige Vergünstigungen) von ca. 100 EUR im Monat (Monatskarte, Schulsachen/-ausflüge, Kulturelle Teilhabe). Hierbei muss allerdings so gut wie jede Einzelleistung beantragt werden, so dass Verwaltungskosten in Höhe von 30% anfallen und die Leistungen nur von 10-15% der Berechtigten genutzt werden. Hinzu kommt noch eine maximaler Verdienst von ca. 300 EUR (bei einem Bruttolohn von 1500 EUR). Der Bruttolohn wohl ganz normal versteuert (ggf. mit Stkl. 2, so dass die Person 40 EUR Lohnsteuer und 300 EUR Sozialabgaben zahlt).

Da sowohl das Kindergeld als auch jede Mehreinnahme mit der Leistung verrechnet wird, kommt keine Kindergelderhöhung an und eine Gehaltserhöhung verpufft genauso.

Jetzt fragt man sich dann doch, warum jemand, der 1500 Brutto verdient und Bedarfe in Höhe von ca. 1550 EUR hat, Hartz IV-Empfänger sein muss, um dann 300 EUR extra (aber nicht mehr) zu bekommen, anstatt dass man das Kindergeld (im Moment 194 EUR pro Kind) erhöht und die Lohnnebenkosten senkt.

Nun, die Gesetzgeber haben sich neue Sozialleistungen einfallen lassen. So gibt es den Kinderzuschlag, den Eltern beantragen können, wenn sie weniger mehr als 600 EUR (allein) bzw. 900 EUR (Paar) brutto verdienen. Nach einer Bedürftigkeitsprüfung entsprechend Hartz IV (Schonvermögen ca. 10 000 EUR + 3000 EUR Kind + ggf. 7000 EUR Auto, + ggf. Eigentum, + ggf 50 000 unkündbare  Rentenrücklage) und einer Verrechnung allen Einkommens kann man dann bis zu 170 EUR Kinderzuschlag (neben dem Kindergeld) bekommen, so dass einem für ein Kind bis zu 364 EUR zu stehen. Allerdings muss man das wohl alle 6 Monate neu beantragen und darf keine weiteren Leistungen wie Unterhalt oder Unterhaltsvorschuss bekommen.

Früher war es so, dass eine Frau standardmäßig bei der Trennung der Eltern die Betreuung der Kinder übernimmt. Der Vater darf die Kinder jedes zweite Wochenende mal betreuen und zahl dafür der Familie Unterhalt. Nun, der Unterhalt der Frauen wurde gestrichen. Der Unterhalt der Kinder besteht nach wie vor und bemisst sich nach der sogenannten Düsseldorfer Tabelle (wobei das Kindergeld geteilt wird).

Kommen wir zum Thema Unterhaltsvorschuss. Ein alleinerziehender Elternteil hat einkommensunabhängig einen Anspruch auf 154 – 273 EUR (je nach Alter) für ein minderjähriges Kind. Dies entspricht zusammen mit dem Kindergeld den Gesamtwerten der Mindestbeträge der Düsseldorfer Tabelle (des entsprechenden Alters).  Der Unterhaltsvorschuss gilt als Vorschuss und wird von zahlungsfähigen und -pflichtigen Elternteilen vom Amt wieder eingetrieben. Voraussetzung für Zahlungsfähigkeit ist allerdings, dass ein Mindestbehalt für den zahlenden Elternteil nicht unterschritten wird (1080 EUR).

Dies alles setzt das vorgestellte Familienmodell nach der Trennung voraus, bei der das Kind vom zweiten Elternteil nur alle 2 Wochen kurzzeitig betreut wird (sog. Residenzmodell).

Nun, die Zeiten ändern sich. Heutzutage wollen auch viele Väter aktive Väter sein und sich bis gleichberechtigt bei der Erziehung der Kinder einbringen. Das mag auf dem Land anders sein als in der Stadt, aber ich kenne viele Männer, die gleichberechtigt ihre Kinder betreuen (ob in Beziehung oder danach).

Insofern gibt es neben dem oben erwähnten Residenzmodell nach einer Trennung der Eltern auch noch das Wechselmodell, in dem das Kind ständig den Lebensmittelpunkt wechselt und zur Hälfte von beiden Eltern betreut wird, das Nestmodell, in dem das Kind einen Lebensmittelpunkt behält und die Eltern ein- und ausfliegen und beliebige Familienformen dazwischen.

(Es gibt im Übrigen Lobbygruppen, die „ihr“ Familienmodell gerne als das einzig wahre, weil das „Beste“ für alle Kinder identifizieren. Hierbei muss man zwar zugeben, dass feste Bindungen zu beiden Elternteilen oft am Besten für das Kind sind, allerdings (emotionale) Stabilität für das Kind mindestens genauso wichtig ist, so dass die Kinder am meisten von der Kompromiss -und Konfliktfähigkeit der Eltern profiteren).

Aber zurück zum Unterhalt bzw. Unterhaltsvorschuss: in den nicht-klassischen getrennten Familienmodellen, bei denen die Betreuung annähernd 50% beträgt, fällt der Anspruch auf Unterhaltsvorschuss weg. Der Unterhalt reduziert sich ggf. auf einen Einkommensunterschied der Eltern (nach kompliziertem Verfahren).

Im Falle eines ALG II-Elternteils werden die materiellen Bedarfe im Falle eines Wechselmodells – meines Wissens nach – geteilt, Unterhaltsvorschuss wird definitiv nicht gezahlt. Alternativ käme Wohngeld + Kinderzuschlag in Frage bei höherem Einkommen.

Hierbei kommen wir zum Wohngeld. Wohngeld, eine Leistung, bei der man deutlich weniger arm sein muss als Hartz IV oder Kinderzuschlag, (Vermögen von 60 000 EUR pro 1. Person bzw. 30 000 EUR pro jede weitere Person ist akzeptabel), wird nur von ca. 1% der deutschen Haushalte in Anspruch genommen. Hierbei ist die Anforderung, dass man ca. 80% der Bedarfe nach ALG II selbst bestreiten kann, aber sich sozusagen die Wohnung (deren maximal anrechenbare Kosten sich nach einem anderen Mietkostenschlüssel als ALG II berechnet) nicht vollständig selbst leisten kann. Das Bruttoeinkommen darf hierbei bestimmte Grenzwerte (je nach Haushaltsgrösse) nicht überschreiten. Die durchschnittlich ca. 150 EUR Wohngeld bekommt man dann jeweils für 12 Monate gewährt, wobei man zusätzlich auch berechtigt ist, die Leistungen des Bildungs-und Teilhabegesetzes in Anspruch zu nehmen.

Beim Wohngeld wird der Wohnbedarf beim Wechselmodell nicht geteilt, so dass man das Kind auch bei gleichberechtiger Betreuungsaufteilung unter den Eltern zu beiden Haushalten als voll zugehörig zählen darf.

Die Bruttoeinkommensobergrenze beträgt für eine Alleinerziehende mit einem Kind ca. 2000 EUR, wobei man zusätzlich normalen Kindergeldanspruch  bekommt. Unterhaltsvorschuss wird allerdings dem Einkommen hinzugerechnet. So kommt es, dass eine Alleinerziehende mit einem älteren Kind und 273 EUR Unterhaltsvorschuss, nur noch ein Bruttoeinkommen von 1720 EUR zu Wohngeldberechtigung (+ BuT-Leistungpaket in Höhe von über 100 EUR pro Monat) führt.

Und so kommt es, dass mir eine alleinerziehende Mutter eines Teenagers, die wohl ca. 1700 EUR brutto für eine nicht-ganz-Vollzeit-Stelle bekommt, erzählt hat, welche Antragssafaris sie durchleben musste, um statt Hartz IV nun mit dem (verpflichtenden) Unterhaltsvorschuss auf eigenen Beinen zu stehen, nur um 50 EUR weniger im Monat zur Verfügung zu haben als vorher.

Was ich sagen will: Wer blickt denn da überhaupt noch durch? Warum ist denn das alles so komplex gestaltet und wieso wundert man sich, dass es leichter ist als Alleinerziehende nur maximal 1500 EUR zu verdienen (bzw. mit angerechnetem verpflichtend zu beantragendem Unterhaltsvorschuss entsprechend weniger 1227 EUR brutto), so dass man ALG II bekommt mit allem, was dazu gehört (ca. 1800 EUR+ BuT – je nach Wohnort/Miete etc) und sich sein Leben entsprechend einrichten kann.

Ich verstehe  ja, dass man sich scheut, die Lohnnebenkosten für Geringverdiener zu senken oder den Steuervorteil der Steuerklasse II zu erhöhen oder endlich eine Kindergrundsicherung einzuführen, aber die Einführung einer 151. Familienleistung oder eine Modifizierung des Kinderzuschlages „mit einem sanften Übergang“ statt einer harten „Abbruchkante“ sehe ich auch nicht als zielführend an.

Aber vielleicht seht ihr das ja ein bisschen anders?

Viele Grüße, Eure Alex

4. Industrielle Revolution – was soll das denn?

Vor Jahren saß ich in meinem Büro und habe mich gefragt, wie langweilig doch die Welt wäre. Alles läuft in geordneten Bahnen, nix passiert und die Welt verändert sich kaum. Weit gefehlt, absolute Fehleinschätzung, denn die Wucht der Veränderungen kommt gerade auf uns zu und man weiß nicht, ob wir gerüstet sind, das alles so leicht zu meistern. Die Dinge verändern sich… schleichend und auf einmal stellt man fest, dass man z.B. überhaupt kein Fernsehen mehr schaut und einen nur interessiert, was das Smartphone gerade sagt. Gleichzeitig leben die Menschen heutzutage so lange, dass die Modernisierung sich schleichend durch die Generationen zieht und ich mit meinen knapp 40 bin nun auch nicht mehr die Jüngste.

Was war das nun mit dem digitalen Wandel?

Das Internet und die modernen Computer- und Satellitentechnologien machen es möglich, dass die Welt auf einmal vernetzter ist und eigentlich beliebig transparent sein könnte. Man braucht nicht mehr aus dem Fenster zu gucken, um einzuschätzen, wie das Wetter wird, sondern man schaut auf eine Vorhersage aus dem Internet, die einem anzeigt, wie weit die Wolken entfernt sind.

Wenn man die neusten Nachrichten erfahren will, liest man nicht die täglich eintrudelnde Tageszeitung, macht nicht das Radio an (Ein Gerät, das früher in jedem Haushalt war) oder wartet, bis in den Fernsehnachrichten zu festen Zeiten, die Nachrichten eintrudeln, sondern man schaut ins Internet und informiert sich über die Dinge, die einen interessieren, weltweit – in der Sprache und Region, die einen interessieren.  Es ist teilweise so, als wäre man vor Ort. Das Internet reicht (und natürlich ein Menge Journalisten, Blogger und sonstige Kommentaren, die die entsprechenden Seiten mit Inhalt füllen).

Um alleine diese Branche anzusprechen, so findet ein kompletter Wandel statt. Die Anforderungen ändern sich. In einem Land, in dem fast 90% gelegentlich das Internet benutzen, gibt es nur bedingt eine Zukunft für gedruckte Zeitungen, lokales Radio und klassisches Fernsehen. Im Moment werden viele Dinge noch parallel bedient, aber die nachkommenden Generationen werden die veralteten Medien aussortieren, wenn es ihnen keine Vorteile bringt und man nicht auf ihre Bedürfnisse eingeht.

Die Anforderungen sind klar. Junge Leute haben ein Smartphone (ggf. mit Kopfhörern) , eventuell auch ein Tablett, aber alles andere (wie Festnetz, CD/DVD-Player, Radiogerät, und selbst Briefkasten) sind Erwartungen, die man nicht mehr zur Versorgung mit Medien, Informationen und Musik benötigt.  Insofern sind all diese Branchen im Umbruch. Das gilt auch für die Leute, die darin arbeiten. Berufsbilder ändern sich. Es gibt viele Jobs, von denen kann man jungen Menschen nur abraten, wobei es immer auch Ausnahmen geben wird.

Der digitale Wandel involviert alle Bereiche unseres Lebens und wird uns noch die nächsten min. 15 Jahre begleiten. Dann wird diese Welt, insbesondere für die Menschen, die noch in der Vergangenheit leben, kaum noch wieder zu erkennen sein. Mir fällt es schwer, den Begriff „abgehängt“ zu benutzen, aber viele werden sich dann doch so fühlen.

Die jungen Menschen, die in dieser neuen Welt aufwachsen, werden die Bedenken der älteren kaum verstehen, denn für sie ist es das natürlichste der Welt. Insofern verstärkt die 4. industrielle Revolution in einer Welt, in der Menschen einen Lebenserwartung von über 80, die Spaltung zwischen den Generationen.  Gleichzeitig findet aber auch eine erweiterte Spaltung zwischen arm und reich statt. Diese (drohende) Zersplitterung der Gesellschaft löst in vielen Menschen Ängste aus und macht den Ruf nach einer autoritären Führung und Abgrenzung von anderen immer lauter.

Das kann man auf der ganzen Welt erkennen. Die Bürger wünschen sich Sicherheit, eine starke Hand zur Begleitung in die Zukunft. Und es scheint tatsächlich so, als hätten Staaten wie China die bessere Strategie, um sich für die Zukunft zu wappnen und ihr als Bürger – als Teil eines großen Ganzen, das Sicherheit gibt, relativ gelassen entgegen zu sehen.

Dass man dafür dann gewisse individuelle Freiheiten aufgeben muss, ist das eine, dass man dann aber auch nicht so frei denken kann, wie in der westlichen Welt, ist eine Einschränkung, die auch die internationale Innovationsfähigkeit beschränkt. Innovationsfähigkeit sehe ich hier als Lösungskompetenz der drängenden Fragen dieser Welt. Und ja, die Fragen, die uns bald so nahe bevorstehen, dass wir sie kaum mehr ignorieren können, werden die Welt betreffend sein und nicht nur unsere kleine Lebenswirklichkeit betreffend. Der Mensch hat im letzten Jahrhundert soviel Dreck in die Meere, die Atmosphäre, den Weltraum und die sonstige Welt verschleudert, dass es unvermeidlich wird, eine globale Müllabfuhr zu installieren, die uns den Planeten auch für zukünftige Generationen bewohnbar erhält.

Aber ich will hier niemanden frustrieren oder ein Weltuntergangsszenario zeichen. Nein, es gibt Lösungen und zwar für fast alle Probleme. Wir haben nämlich schlaue Köpfe auf diesem Planeten und zusammen können wir die Dinge auch alle angehen. Wir dürfen uns aber nur nicht abhalten lassen von künstlichen Strukturen, die aufgrund anderer Interessen andere Ziele haben. Und ja, auch hier kann Transparenz dafür sorgen, dass manche Leute einsehen müssen, dass man vielleicht lieber die Branche wechselt als ein altes System seiner Selbst will zu stützen.

Tempora mutantur, nos et mutamur in illis – (lat. Die Zeiten ändern sich und wir ändern uns in ihnen.)

Man könnte auch sagen: Die Zeiten ändern sich, packen wir’s an!